Wer Berlin mit dem Rucksack erkundet, landet meistens an denselben Stellen: Mauerpark, Prenzlauer Berg, Tempelhof. Der Norden der Stadt taucht in den meisten Reiseführern allenfalls als Randnotiz auf. Dabei liegt dort eine der interessantesten Stadtnaturrouten Deutschlands, die sich über gut 25 Kilometer durch dicht bebaute Kieze, Kleingärten und überraschend wilde Uferstreifen zieht.
Ein Fluss, den kaum jemand kennt
Die Panke entspringt im brandenburgischen Bernau und mündet in Wedding in den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal. Sie ist kein imposanter Fluss. An manchen Stellen ist sie kaum drei Meter breit, das Wasser flach, die Ufer unspektakulär. Genau das macht sie interessant. Weil sich hier niemand anstrengt, etwas herzurichten, wirkt die Panke echter als die meisten Berliner Grünflächen. Brennnesseln wachsen ungestört, Reiher stehen im Flachwasser, Entenfamilien schieben sich träge zwischen überhängenden Weiden hindurch.
Wer mehr über Geschichte und Verlauf des Gewässers erfahren möchte, findet beim Panke Fluss-Projekt umfangreiche Informationen zu Ökologie, Renaturierungsmaßnahmen und historischen Nutzungsspuren entlang des Ufers. Vor allem die Abschnitte durch Pankow und Reinickendorf sind für Wanderer gut dokumentiert.
Die Route: Von Pankow nach Wedding zu Fuß
Der schönste Abschnitt für Tageswanderer beginnt am S-Bahnhof Pankow und endet nach etwa drei Stunden am U-Bahnhof Osloer Straße. Die Strecke misst rund zwölf Kilometer und lässt sich ohne Vorbereitung gehen. Festes Schuhwerk empfiehlt sich trotzdem, weil die Uferwege nach Regen aufweichen.
Kurz nach dem Start am Bürgerpark Pankow öffnet sich das Gelände unerwartet. Der Park selbst ist keine Sehenswürdigkeit, aber er markiert den Übergang in einen Grünkorridor, der sich von hier ohne größere Unterbrechungen durch Niederschönhausen und Weißensee bis nach Gesundbrunnen zieht. Wer früh startet, hat die Wege bis 9 Uhr weitgehend für sich.
Niederschönhausen: Schloss im Nebel der Nachbarschaft
Am Schlosspark Niederschönhausen lohnt ein kurzer Abstecher. Das Schloss selbst ist nicht zugänglich, der umliegende Park aber öffentlich und fast leer an normalen Wochentagen. Die Kastanienalleen im Inneren des Geländes sind im Spätsommer besonders dicht. Von hier aus sind es wenige Gehminuten zurück zur Panke.
Reinickendorf: Der unterschätzte Bezirk
Wer die Panke weiter nördlich erkundet, stößt auf Reinickendorf, einen Bezirk, der selten in Berliner Stadtgesprächen vorkommt. Das ist sein Vorzug. Am Tegeler See, dem größten Berliner Binnensee, gibt es Badestellen ohne Eintritt. Der Strandbad-Bereich am Tegeler See öffnet je nach Saison ab 9 Uhr, der Eintritt liegt bei etwa 5 Euro für Erwachsene, Kinder bis 6 Jahre sind frei.
Wer nicht schwimmen möchte, folgt dem Ufer des Tegel-Fließ, einem Nebengewässer, das durch ausgedehnte Wiesenflächen führt. Zwischen Mai und September brüten dort Bekassinen, was diesen Abschnitt für Vogelbeobachter lohnend macht. Eine Fernglasmitnahme kostet nichts und verdoppelt das Erlebnis.
Die Tegeler Forst als Ergänzungsroute
Nördlich des Sees schließt sich der Tegeler Forst an, rund 2.600 Hektar Kiefern- und Laubwald. Die markierten Routen sind recht simpel beschildert, weshalb eine einfache Offline-Karte hilfreich ist. Wer den Forst von der Haltestelle Alt-Tegel aus betritt und Richtung Hermsdorf wandert, braucht etwa 90 Minuten für eine entspannte Runde. Der Waldboden ist sandig, was das Gehen auch ohne Wanderschuhe angenehm macht.
Was die Route konkret bietet
- Startpunkt: S-Bahnhof Pankow, Linie S2, S8, S9
- Endpunkt: U-Bahnhof Osloer Straße oder alternativ S-Bahnhof Tegel für die Nordvariante
- Gesamtlänge Panke-Route: ca. 12 km (Pankow bis Wedding)
- Zusatz Tegeler Forst: ca. 8 bis 15 km je nach Abzweig
- Beste Jahreszeit: April bis Oktober, Herbst wegen Laubfärbung besonders empfehlenswert
- Kosten: keine Eintrittsgebühren entlang der Panke, Tegeler Strandbad ca. 5 Euro
Praktische Hinweise für den Tag
Verpflegung ist entlang der Panke dünn gesät. In Pankow gibt es mehrere Bäckereien rund um den Hauptplatz, danach folgt lange nichts. Ein Rucksack mit Wasser und etwas zu essen ist keine Vorsichtsmaßnahme, sondern schlicht notwendig. In Wedding, kurz vor dem Endpunkt, gibt es wieder Cafés und einen gut sortierten Wochenmarkt am Leopoldplatz, der dienstags und freitags stattfindet.
Wer mit Kindern unterwegs ist, sollte den Abschnitt zwischen Pankow und Weißensee bevorzugen. Dort sind die Wege breiter, das Gelände flach und die Uferabschnitte so gesichert, dass Kinder nah ans Wasser können, ohne dass es gefährlich wird. Ab Weißensee wird das Gelände unübersichtlicher und die Wege enger.
Warum dieser Teil Berlins unterschätzt wird
Berlin wird in der Außenwahrnehmung fast ausschließlich durch Mitte, Kreuzberg und Prenzlauer Berg definiert. Der Norden hat keine ikonischen Sehenswürdigkeiten und keine Szenekneipen, die international zitiert werden. Was er hat, ist Platz. Wiesen, auf denen man sich hinlegen kann, ohne auf jemanden zu stoßen. Gewässer ohne Tretboote. Parks, in denen die einzigen Geräusche Vögel und gelegentliche Fahrräder sind.
Das ist kein Versprechen von Wildnis. Berlin bleibt Berlin, auch im Norden. Aber wer eine Halbtagestour sucht, die keine Touristeninfrastruktur voraussetzt und trotzdem mehr zeigt als Beton und Hipsterkiez, findet an der Panke und im Tegeler Forst genau das. Keine Warteschlangen, keine Eintrittskarten für den wichtigsten Teil, keine Selfie-Stationen.
Wer das einmal gegangen ist, versteht, warum viele Berliner den Norden der Stadt für sich behalten.






