Selbstständig machen: Zahlen, die vor dem Start stehen

Blazz Redaktion

Selbstständig machen: Zahlen, die vor dem Start stehen

Die Idee steht, die Motivation auch. Was viele angehende Selbstständige unterschätzen: Der Schritt aus dem Angestelltenverhältnis heraus ist kein emotionaler Entschluss, sondern eine Rechenaufgabe. Wer die Zahlen kennt, bevor er kündigt, hat eine echte Chance. Wer sie ignoriert, merkt die Lücken spätestens im dritten Monat auf dem Kontoauszug.

Was Sie netto wirklich brauchen

Ausgangspunkt ist die private Liquiditätsplanung. Wie viel Geld brauchen Sie monatlich, um Miete, Krankenversicherung, Lebensmittel, Mobilität und laufende Verträge zu bezahlen? Für viele liegt dieser Betrag höher als gedacht. Ein Single in einer mittelgroßen deutschen Stadt kommt schnell auf 2.200 bis 2.600 Euro netto im Monat. Eine Familie mit Kindern, Eigenheim und zwei Autos kann 5.000 Euro und mehr benötigen.

Schreiben Sie diese Summe auf. Sie ist Ihre Schmerzgrenze. Darunter funktioniert Ihre Selbstständigkeit auf Dauer nicht.

Vom Nettobedarf zum Zielumsatz

Das ist der Rechenschritt, den viele überspringen. Aus dem privaten Nettobedarf wird kein Umsatzziel, indem man einfach etwas draufschlägt. Es gibt mehrere Ebenen:

  • Einkommensteuer und Solidaritätszuschlag: Je nach Gewinn zwischen 14 und 45 Prozent, dazu Soli.
  • Kranken- und Pflegeversicherung: Freiwillig gesetzlich versichert zahlen Selbstständige 2025 mindestens rund 220 Euro im Monat, bei mittlerem Einkommen schnell 450 bis 600 Euro.
  • Rentenversicherung: Kein Arbeitgeber zahlt mehr die Hälfte. Wer nichts tut, baut keine Altersvorsorge auf. Faustregel: mindestens 10 bis 15 Prozent des Gewinns zurücklegen.
  • Betriebsausgaben: Büro, Software, Fortbildung, Steuerberater, Versicherungen. Selbst ein schlankes Dienstleistungsunternehmen kommt auf 300 bis 800 Euro monatlich.

Ein Beispiel: Wer 2.500 Euro netto braucht, Steuer, Krankenversicherung und Betriebskosten einrechnet, muss als Einzelunternehmer oft 5.500 bis 6.500 Euro Umsatz im Monat erwirtschaften. Das sind 66.000 bis 78.000 Euro im Jahr. Klingt machbar? Dann rechnen Sie weiter.

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Stundensatz und Auslastung realistisch kalkulieren

Wer als Freiberufler oder Dienstleister arbeitet, denkt in Stunden. Die klassische Anfängerfalle: Man teilt den Wunschumsatz durch die Arbeitsstunden pro Jahr und landet bei einem Stundensatz. Dabei fehlt eine entscheidende Zahl: die tatsächlich abrechenbare Zeit.

Von 220 Arbeitstagen im Jahr sind im Schnitt 30 bis 40 Prozent nicht fakturierbar. Akquise, Buchhaltung, Angebote schreiben, Urlaub, Krankheit, Weiterbildung. Realistisch bleiben vielleicht 130 bis 150 fakturierbare Tage mit je 6 bis 7 produktiven Stunden. Das macht rund 800 bis 1.000 abrechenbare Stunden pro Jahr.

Bei einem Zielumsatz von 72.000 Euro ergibt das einen Mindeststundensatz von 72 bis 90 Euro netto. Wer für 35 Euro die Stunde anbietet, weil das „irgendwie fair“ klingt, wird dieses Ziel nicht erreichen. Marktpreise und eigener Bedarf müssen zusammenpassen.

Liquiditätspuffer und Anlauffinanzierung

Bevor der erste Auftrag kommt, laufen die Kosten. Und selbst mit Aufträgen zahlen viele Kunden erst nach 30, 60 oder 90 Tagen. Wer seinen ersten Monat mit 5.000 Euro Umsatz abschließt, sieht davon vielleicht erst im dritten Monat Geld auf dem Konto.

Drei Monate private und betriebliche Kosten als Reserve sind das absolute Minimum. Wer auf Nummer sicher gehen will, plant sechs Monate ein. Bei einem Bedarf von 3.000 Euro im Monat bedeutet das: 18.000 Euro Rücklage vor dem Start. Das ist keine Übertreibung, das ist solide Planung.

Wer diese Summe nicht angespart hat, braucht eine Finanzierungsquelle: Förderkredit, Gründerzuschuss der Agentur für Arbeit (maximal 9 Monate Arbeitslosengeld plus 300 Euro Pauschale), oder familiäres Darlehen. Gründungsportale wie bankreif.de bieten strukturierte Übersichten zu Finanzierungsoptionen und helfen beim Vergleich von Konditionen für Selbstständige. Wichtig: Förderanträge laufen oft über die KfW oder Landesbanken und müssen vor dem eigentlichen Gründungsdatum gestellt werden.

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Der Businessplan als Rechenwerk, nicht als Hochglanzbroschüre

Viele denken beim Businessplan an ein PDF für die Bank. In erster Linie ist er ein Werkzeug für Sie selbst. Konkret heißt das: Eine Tabelle mit drei Szenarien. Optimistisch, realistisch, pessimistisch. In jedem Szenario stehen Umsatz, variable und fixe Kosten sowie der Gewinn vor Steuern.

Das pessimistische Szenario ist das wichtigste. Was passiert, wenn Sie im ersten Halbjahr nur 40 Prozent des geplanten Umsatzes erreichen? Können Sie trotzdem die Krankenversicherung zahlen? Reicht die Rücklage? Wenn nicht, müssen Sie entweder die Kosten senken oder die Reserve aufstocken, bevor Sie starten.

Typische Zahlen für einen Einstieg im Dienstleistungsbereich

Position Monatlich (Beispiel)
Privater Nettobedarf 2.500 Euro
Kranken- und Pflegeversicherung 500 Euro
Einkommensteuer-Rücklage (ca. 25 %) 1.200 Euro
Altersvorsorge (ca. 10 %) 480 Euro
Betriebsausgaben 600 Euro
Notwendiger Mindestumsatz 5.280 Euro

Was Sie vor Tag eins festgelegt haben sollten

Eine Checkliste mit konkreten Pflichtpunkten, bevor Sie kündigen oder Ihren Gewerbeschein beantragen:

  • Privater Monatsbedarf schriftlich aufgelistet
  • Mindestumsatz berechnet (inklusive Steuern, Versicherungen, Betriebskosten)
  • Stundensatz oder Projektpreise kalkuliert und am Markt geprüft
  • Liquiditätspuffer von mindestens drei, besser sechs Monaten gesichert
  • Steuerberater kontaktiert und Mandatsgespräch geführt
  • Businessplan mit drei Szenarien fertig
  • Rechtsform gewählt: Einzelunternehmen, UG, GbR oder GmbH
  • Krankenversicherung für den ersten Monat ab Selbstständigkeit geregelt

Wer diese Liste abhaken kann, ist vorbereitet. Nicht im Sinne von „alles wird gut“, sondern im Sinne von: Sie kennen die Zahlen, die entscheiden. Das ist der Unterschied zwischen einem Plan und einer Hoffnung.

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